Wahrnehmungsfilter

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Wie die Welt im Kopf entsteht

Es gibt viele Situationen, die wir an unterschiedlichen Tagen unterschiedlich bewerten, obwohl die Fakten sich nicht verändert haben. Zur Erklärung der Änderung unserer Sichtweise hilft uns das Modell der Wahrnehmungsfilter. Der Weg der Reize hin zu einem Abbild im Gehirn ist lang. Dabei wird der Input an unterschiedlichster Stelle verarbeitet, komprimiert, gewichtet, interpretiert und mit unseren Erfahrungen abgeglichen. Was am Ende entsteht, ist kein objektives Bild der Welt, sondern eine äußerst subjektive Version dessen was uns umgibt.

Sinneseindrücke werden gefiltert und subjektiv eingefärbt

Das Modell der Wahrnehmungsfilter hat keine festgelegte Anzahl oder Reihenfolge an Filtern. Die im Bild aufgeführten Filter sind  exemplarisch und lassen sich situationsabhängig erweitern und gewichten. Betrachten wir einige davon:

  • Rezeptorische Filter

    Die (Aus-)Sortierung bestimmter Reize findet bereits an den Sinnesorganen statt und kann zu diversen Sinnestäuschungen führen. So gibt es in jedem Auge einen sogenannten blinden Fleck: die Stelle, an dem der Sehnerv austritt, enthält keine Lichtrezeptoren, weshalb wir für Licht, das an dieser Stelle eintrefft, blind sind. Wie wir am Versuch der Tastempfindlichkeit sehen können, hängt das Wahrnehmungsvermögen auch von der Dichte der Rezeptoren ab. Was sich an einfachen Experimenten zeigen lässt, fällt uns im normalen Leben nicht auf, weil unser Gehirn diese „Baufehler“ automatisch korrigiert. Vergleichen wir den Menschen mit der Tierwelt, fällt schnell auf, dass wir keine Sinnesorgane für Magnetismus, Ultraschall, Infrarot oder Röntgenstrahlen haben. Wir können nur Reize aufnehmen, für die unsere Sinnesorgane empfänglich sind und nehmen dabei wiederum nur einen bestimmten Ausschnitt des physikalisch vorhandenen Frequenzspektrums wahr. Somit entgeht uns bereits bei der Reizaufnahme ein Stück Wirklichkeit.

  • Neurologischer Filter

    Die vom Sinnesorgan aufgenommen Reize werden nicht ungefiltert an die verarbeitenden Zentren im Gehirn geschickt. Die Datenmengen wären zu hoch, um komplett verarbeitet werden zu können.  Sehnerv, Hypothalamus und andere beteiligten Areale reduzieren und komprimieren diese Daten auf das wesentliche, um schnelle Entscheidungen treffen zu können. Dies führt dann hin und wieder zu einem Fehlalarm. Bist du schon einmal im Wald vor einem Ast erschrocken, weil du es für ein Tier gehalten hast? Im ersten Moment erschrecken wir uns, springen zur Seite und erkennen erst später bewusst, dass wir uns getäuscht haben. Dieser Mechanismus, schnelle Entscheidungen treffen zu können ist nur möglich, weil das gelieferte Bild sehr stark komprimiert wird (von bunt und hochauflösend zu schwarz/weiß und grob auflösend) und daher vom limbischen System schnell verarbeitet werden kann. Die Interpretation des korrekten bunten Bildes im Bewusstsein dauert länger, so dass  erst der Fluchtreflex einsetzt bevor wir bewusst Entwarnung geben können.

  • Organisatorischer Filter

    Wie wir in den Gestaltprinzipien gesehen haben, teilen wir unsere Welt in sinnvolle Objekte und Gruppen ein. Dabei ergänzen wir Informationen, die real nicht vorliegen: Wir vervollständigen automatisch verdeckte Objekte und nehmen Bewegungen wahr, die im Grunde nur eine Abfolge von Einzelbildern sind. Unserer Erfahrung nach sind Gegenstände, die weit entfernt sind, normalerweise heller, bläulicher und unschärfer als nahe Objekte. Dies ist einer der Gründe, warum sich bei Nebel die Auffahrunfälle häufen: Wir schätzen die Entfernung der durch den Nebel heller und unschärfer erscheinenden Autos durch diesen Automatismus schlichtweg falsch ein. Diese Fehlinterpretationen beruht auf einer Modifizierung der Wirklichkeit, die so nicht existieren muss. Da der Mechanismus der Gestaltprinzipien sehr stark von unserem Wissen und unseren Erfahrungen abhängt, färben wir an dieser Stelle unsere Wahrnehmung subjektiv ein.

  • Aufmerksamkeitsfilter

    An zahlreichen Experimenten lässt sich zeigen, dass wir vor allem Reize wahrnehmen, die unsere Aufmerksamkeit wecken oder denen wir Aufmerksamkeit bewusst schenken. Andere Reize werden dabei kaum oder gar nicht beachtet. Diese selektive Wahrnehmung hat den Vorteil, dass wir uns auf wichtige Sachen konzentrieren können ohne abgelenkt zu werden. Sie ist Teil der notwendigen Reduktion und Filterung der enormen Informationen, die uns erreichen. Allerdings nehmen wir dabei in Kauf, andere Dinge komplett außer acht zu lassen, wie ein schönes Experiment zeigt.

 

„Entscheidend ist, was hinten rauskommt!“

Was Helmut Kohl schon wusste, zählt auch bei der menschlichen Wahrnehmung. So sehr wir uns auch um ein objektives Bild bemühen, wird es uns selten gelingen, eine Situation völlig neutral einzuschätzen. Dies gilt aber auch für unsere Mitmenschen und Kollegen, die möglicherweise zu einer anderen Einschätzung der gleichen Situation kommen. Ein Grund mehr, die eigene Sichtweise zu erläutern und sich mit anderen Beteiligten auszutauschen. Davon dann in Kürze mehr im Bereich Kommunikation.

 

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