Gestaltprinzipien/Gestaltgesetze

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Wir sehen entweder Hase oder Ente, aber niemals beides gleichzeitigBetrachten wir das Kippbild Hase/Ente. Das Bild wechselt zwischen einer Ente, die nach links sieht und einem Hasen der nach rechts blickt. Die Mehrdeutigkeit solcher Vexierbilder faszinierte um 1900 einige Psychologen, weil sich offensichtlich im Kopf die Interpretation des Bildes ändert, obwohl das Bild, also die visuellen Informationen selbst unverändert bleiben. Durch die Mehrdeutigkeit des Bildes bestimmt unsere Erwartungshaltung, was wir sehen. Legen wir uns auf ein Tier fest, hat unser Gehirn eine schlüssige Erklärung. Es gibt nun keine Mehrdeutigkeit mehr, so dass wir entweder Hase oder Ente, aber nie beides gleichzeitig sehen.

Die Psychologen interessierten sich vor allem für den Moment des Kippens eines Vexierbildes und erkannten, dass die Interpretation ein untrennbarer Bestandteil unserer Wahrnehmung ist. Sie gingen der Frage nach, wie innerhalb der menschlichen Wahrnehmungsprozesse Ordnung entsteht, auf deren Grundlage wir einzelne Objekte oder Bewegungen erkennen. Sie begründeten damit die Gestaltpsychologie und formulierten die Gestaltgesetze (heute: Gestaltprinzipien), welche die kognitiven Anteile der menschlichen Wahrnehmung beschreiben und erklären, auf welcher Grundlage wir die Welt in sinnvollen Gruppierungen und nicht in einzelnen Pixeln wahrnehmen.

Einige Gestaltprinzipien

Bislang wurden über 100 Gestaltprinzipien formuliert, die sich teilweise überschneiden. Insofern beschränke ich mich exemplarisch auf die wichtigsten:

  • Prinzip der guten Gestalt
    Komplexe Figuren werden in einfache Einzelelemente aufgelöstDieses zentrale Prinzip der Gestaltpsychologie formuliert den Umstand, dass komplexe Figuren in möglichst einfache Einzelelemente (=gute Gestalt) aufgelöst werden. Dies erleichtert und beschleunigt das Erkennen, hilft uns aber auch beim Erinnern an das Gesehene, weil sich einfache Formen einfacher merken lassen. Im Bild sehen wir daher keine komplexe Silhouette, sondern zwei einfache Formen, ein Dreieck und ein Rechteck, die übereinander liegen.
    Auch „Prinzip der Einfachheit“ genannt.
  • Prinzip der Ähnlichkeit
    Ähnliche Elemente werden zusammengehörig wahrgenommenÄhnliche Elemente werden als zusammengehörig und gruppiert wahrgenommen. Die Ähnlichkeit der Elemente kann dabei auch in Farbe, Form oder Orientierung erfolgen. Im Bild links oben sehen wir Punkte, die nicht zwingend horizontale Zeilen oder vertikale Spalten bilden. Färben wir einige Punkte ein, sehen wir vertikale Spalten. Unten sehen wir die gedrehten Rechtecke als zusammengehörig.
  • Prinzip des guten Verlaufs
    Linien folgen dem einfachsten WegBeieinanderliegende Punkte werden gruppiert und als zusammengehörige Linie angesehen. Sich überschneidende Linien folgen in unserer Interpretation dem einfachsten Weg. So werden links oben im Bild zwei sich überlappende, leicht geschwungene Linien (statt einzelner Punkte) gesehen, deren Anfang und Ende jeweils diagonal gegenüberliegen. Die Alternative (zwei Linien deren Anfang und Ende jeweils auf der gleichen Seite liegen, so dass die Linien selbst eine Spitze in der Mitte bilden) ist nicht einfach genug. Zudem werden die überlappenden Quadrate bzw. Kreise als ebensolche wahrgenommen und nicht als Zusammensetzung komplexer Einzelelemente.
    Auch „Prinzip der Fortsetzung“ genannt.
  • Prinzip der Nähe
    Elemente die nahe beieinander liegen, werden als zusammengehörig wahrgenommenElemente die nahe beieinander liegen, werden als zusammengehörig wahrgenommen. So bilden die Punkte oben links im Bild horizontale Zeilen. Rechts unten schlägt das Prinzip der Nähe das Prinzip der Ähnlichkeit, so dass wir keine Spalten aus Kreis und Quadraten sehen, sondern ebenfalls Horizontale Linien. (Die Gruppenbildung im Bild „links oben“ und „rechts unten“ selbst folgt auch dem Prinzip der Nähe.)

  • Prinzip der gemeinsamen Region
    Elemente innerhalb einer Region werden zusammengehörig wahrgenommen
    Elemente, die in einem geschlossenen Bereich liegen, nehmen wir als Einheit wahr. In der ersten Zeile werden diejenigen Punkte nach dem Gesetz der Nähe als zusammengehörig empfunden, die näher aneinander liegen. Wird, wie in der zweiten Zeile, ein Rahmen um die Punkte gelegt, folgt die Gruppierung den Rahmen.
    Die Worte im Buchstabensalat erkennen wir schneller als zusammengehörig, wenn wir diese in einen abgeschlossenen Bereich setzen. Das dritte versteckte Wort habe ich nicht markiert…
  • Prinzip der Verbundenheit
    Verbundene Elemente werden als zusammengehörig wahrgenommenVerbundene Elemente werden als zusammengehörig wahrgenommen. Im Bild oben dominiert das Prinzip der Verbundenheit die Prinzipien der Nähe und Ähnlichkeit: Trotz Einfärbung oder Formänderungen, werden die zwei verbundenen Elemente als gruppiert wahrgenommen.
  • Prinzip des gemeinsamen Schicksals
    Elemente, die sich in die gleiche Richtung Bewegen, erscheinen zusamengehörigElemente, die sich gemeinsam verändern oder bewegen, werden als zusammengehörig wahrgenommen. Bekannt aus Animationen, Leuchtreklamen, Paraden uvm. Auch nehmen wir Vogelschwärme nicht als tausende einzelner Vögel wahr, sondern als einen sich bewegenden Schwarm.
  • Prinzip der zeitlichen Synchronizität
    Visuelle Ergenisse die zeitgleich auftreten werden als zusammengehörig empfundenElemente, die zeitgleich auftreten oder sich ändern, werden als zusammengehörig wahrgenommen. Dieses Prinzip ähnelt dem Prinzip des gemeinsamen Schicksals, jedoch fehlt hier der Aspekt der Bewegung. Ein gemeinsames Blinken reicht aus, um diese Elemente gruppiert zu erleben.
  • Prinzip der Bedeutung
    Ja nach Kontext und Bedeutung werden Elemente als zusammengehörig wahrgenommenJe nach Kontext geben wir Elementen unterschiedliche Bedeutung und neigen dazu, aufgrund der Bedeutung/Erfahrung Zusammengehörigkeit herzustellen. Im Bild sehen wir ein nach rechts zeigendes Dreieck im Kreis, das je nach Kontext eine unterschiedliche Bedeutung bekommt: Mit einem nach links zeigenden Pfeil an der Seite, wird unser Objekt zum Navigationselement (vor/zurück), mit einem Stop-Icon dagegen, interpretieren wir unser Objekt als Teil einer multimediale Steuerung (Pause/Play).
    Auch „Prinzip der Vertrautheit“ genannt.

 

Gestaltprinzipien statt Gestaltgesetze

Man spricht heute von Gestaltprinzipien, da die Formulierung Gestaltgesetze den Schluss nahelegt, die Wahrnehmung wäre ein Prozess der immer treffsicher das gleiche Ergebnis liefert. Wir alle kennen aber Situationen (oder ähnliche), in denen wir im Gebüsch ein Tier zu erkennen glaubten, erschrecken und später feststellen, dass das vermeintliche Tier nur eine Täuschung aus Gestrüpp und Blattwerk war. Unser Gehirn bedient sich also keines Algorithmus, der immer richtig liegt, sondern arbeitet vielmehr mit Heuristiken (Faustregeln), die hin und wieder einen Fehlalarm auslösen, dafür aber sehr schnell arbeiten. Das evolutionäre Prinzip dahinter lautet: Besser einmal zu oft weggelaufen, als einmal zu wenig!

Gibt es nur visuelle Gestaltprinzipien?

Wir nehmen unsere Umwelt hauptsächlich visuell wahr, deswegen ist dieser Sinn am besten untersucht. Die Gestaltprinzipien lassen sich teilweise auch auf andere Sinne, wie Hören (z.B. Erkennen einzelner Töne als auch Melodien) übertragen. Auch in der kognitiven Verarbeitung abstrakter Informationen wenden wir diese an (Logik, Mustererkennung etc.). Diese Bereiche möchte ich bei Gelegenheit ausführlicher behandeln.

Quellen:

    • – Eric Kandel. Das Zeitalter der Erkenntnis. Siedler Verlag. 2012. Seite 250-251.
    • – E. Bruce Goldstein. Wahrnehmungspsychologie. Der Grundkurs. Spektrum Akademischer Verlag. 2008. Seite 107 ff.
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