Figur-Grund Trennung

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Unser Gehirn löst im Wahrnehmungsprozess unter anderem die Aufgabe, einzelne Elemente zu erkennen und in sinnvolle Gruppierungen einzuteilen. Zudem muss aber der Aufbau einer Szene analysiert werden, um zu erkennen welche Objekte im Vordergrund stehen (Figur) und welche den Hintergrund bilden (Grund). Man spricht daher von der Figur-Grund-Trennung.

Eine Figur zeichnet sich dadurch aus, dass sie eher unseren Erfahrungen entspricht, also eine bekannte und einfachere Form hat und somit leichter zu erinnern ist. Zudem liegt die Figur vor dem Hintergrund und hebt sich durch eine Kontur (die der Figur zugeschrieben wird) vom Grund ab, während sich der Grund hinter der Figur fortsetzt. Dabei sind Figur und Grund variabel: Das Haus (Figur) vor der Bergkulisse (Grund) wird selbst zum Hintergrund, wenn wir das Blumenbeet davor betrachten. Legen wir den Fokus auf eine einzelne Blume, wird das Blumenbeet wiederum zum Grund. Die Figur-Grund Beziehung liegt also, wie vieles, im Auge des Betrachters. Besonders anschaulich sehen wir dies am Beispiel der Rubin’schen Vase:

Wir sehen entweder die Vase oder die GesichterDas Vexierbild wurde 1920 vom Psychologen Edgar Rubin entworfen und zeigt, wie variabel die Interpretation von Figur und Grund ist, da unser Gehirn entweder zwei Gesichter oder eine blaue Vase erkennt, obwohl sich am Bildinhalt selbst nichts ändert. Mithilfe von bereits beschriebenen Gestaltprinzipien (u.a. Prinzip der gemeinsamen RegionPrinzip des guten Verlaufs) konstruiert das Gehirn ein Bild, indem es ein Objekt als Figur, das andere als Hintergrund definiert. Da die Figur sich vor dem Hintergrund abzeichnet, gehört zu jeder Figur eine Kontur. An dieser Stelle wird es problematisch, weil in diesem Fall Köpfe und Vase dieselbe Kontur haben. Unser Gehirn muss sich also entscheiden, wem die Kontur zugewiesen wird und folgt dabei unserer (un)bewussten Hypothese. Möchten wir eine Vase sehen, schreibt das Gehirn die Kontur der Vase zu, sehen wir Gesichter, gehört die Kontur der beigen Fläche. Wie beim Hase/Ente Bild liegt hier eine Mehrdeutigkeit vor, die uns zwingt, eine eindeutige Erklärung zu finden.

Der Moment des Kippens

Wechseln wir die Interpretation eines Vexierbilds, sind wir für einen kurzen Moment irritiert. Bei der Figur-Grund Trennung ist die Irritation besonders groß, da nicht nur das Bild interpretiert (wie beim Hase/Ente Bild), sondern zuerst konstruiert werden muss. Folgende Animation sorgt für eine besonders schöne Figur-Grund Irritation:

Animierte Figur-Grund Version

Beobachte deine Wahrnehmung im Moment, da das Bild kippt und Figur und Grund wechseln. Versuche diesen Moment festzuhalten.

Während sich die blauen Kreuze drehen, erkennt unser Gehirn ebendiese als drehende Figur vor dem beigen Grund. Problematisch wird es, wenn sich die beigen Kreuze beginnen zu drehen: Unsere Hypothese (blau:Figur, beige:Hintergrund) stimmt nicht mehr mit dem Gesehenen überein. Am schönsten ist der Moment, in dem sich die Konturen der Figur auflösen und in den Grund übergehen, der sich wiederum zur Figur herausschält. Ein kurzer Moment der Irritation, der nur schwer festzuhalten ist, weil unser Gehirn sofort nach einer anderen Erklärung sucht. Die Animation verstärkt die Irritation, weil unser Gehirn nicht mehr selbst entscheidet, wann das Bild kippt, so dass es vom Wechsel praktisch überrumpelt wird und sich erst wieder „sortieren“ und die Mehrdeutigkeit auflösen muss.

Quellen:

    • – Eric Kandel. Das Zeitalter der Erkenntnis. Siedler Verlag. 2012. Seite 251-252.
    • – E. Bruce Goldstein. Wahrnehmungspsychologie. Der Grundkurs. Spektrum Akademischer Verlag. 2008. Seite 113.
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