Automatismen

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Wie wir bereits bei den Gestaltprinzipien gesehen haben, steuert unser Gehirn die Wahrnehmungsprozesse weitgehend alleine und unbewusst, ohne dass wir bewusst eingreifen müssten (unser Bewusstsein wäre mit diese Aufgabe komplett überfordert). Solche Automatismen finden sich an unterschiedlichsten Bereichen, denn automatisierte Abläufe entlasten unser Gehirn und sparen Zeit und Energie. Diese können unbewusst ablaufen oder willentlich beeinflussbar sein. Für unseren Körper wichtige angeborene Automatismen sind die vom vegetativen Nervensystem gesteuerten lebenserhaltenden Funktionen, wie Atmung, Verdauung oder Herzschlag. Daneben gibt es noch erlernte Automatismen, die Gehen, Radfahren, Lesen aber auch kulturelle Werte und Normen umfassen.

Motorische Automatismen

Bei Reha-Patienten, die nach einem Unfall oder einem Schlaganfall motorische Abläufe wie Greifen oder Gehen wieder neu erlernen müssen, erkennt man, wie komplex diese Bewegungsabläufe sind und wie schwer das bewusste Ausführen derselben fällt. Die schrittweise Bewegung der Beine, Aufsetzen und Abrollen der Füße, Pendelbewegung der Arme, aufrechter Gang, Balancieren des Oberkörpers, ganz abgesehen von unebenem Terrain oder ähnlichem. Wie sehr sich diese Patienten während der Reha auf diese – für gesunde Menschen einfache – Aufgabe konzentrieren müssen, zeigt, wie viel Arbeit uns das Gehirn mit diesen Automatismen abnimmt. Müssten wir diese Bewegungen bewusst steuern, wären wir im Alltag ziemlich überfordert und hätten deshalb keine Ressourcen für kreative Aufgaben übrig.

Motorische Bewegungsabläufe sind erlernbar, müssen aber lange eingeübt werden, bis diese unbewusst ausgeführt werden. Bei Kleinkindern sehen wir, wie das Laufen anfangs noch etwas unkontrolliert abläuft und die Füße teilweise zu ruckartig aufgesetzt werden. Erst nach und nach werden die Bewegungen flüssiger und sicherer, es entwickeln sich anspruchsvollere Varianten des Gehens, wie Laufen oder Schleichen. Erlernte Abläufe, die zu unbewussten Automatismen werden und keine willentliche Kontrolle mehr benötigen, finden wir auf sehr vielen Ebenen. Sie ermöglichen es Musikern, komplexe, schnelle Stücke zu spielen, wie dieses Beispiel von Yuja Wang zeigt:

 

Wer ein Instrument lernt, hat anfangs Mühe, die Noten sauber und in der richtigen Reihenfolge zu spielen. Erst wenn diese Basics motorisch einigermaßen sitzen, haben wir im Kopf Ressourcen frei und können an der Interpretation des Stückes arbeiten. Sind die motorischen Bewegungen automatisiert, können wir oftmals nicht erklären, wie wir die Aufgabe ausführen und kommen sogar ins Schleudern, wenn wir versuchen diese langsam und bewusst auszuführen. Wer kann schon Schritt für Schritt benennen, wie er seine Schnürsenkel bindet?

Kognitive Automatismen

In der Grundschule kombinieren Kinder noch mühsam Buchstabe für Buchstabe zu einem Wort. Doch nach dieser relativ kurzen Zeit des Lernens entwickelt das Gehirn einen Automatismus, der uns Worte auf einen Blick erkennen lässt. Wir können beim Anblick eines Wortes also gar nicht entscheiden, ob wir es lesen möchten oder nicht, unser Gehirn erledigt dies automatisch für uns. Der Unterschied zwischen Sehen und Lesen/Erkennen zeigt sich, wenn wir als Europäer beispielsweise asiatische Schriften ansehen. Wer die Bedeutung dieser Zeichen nicht gelernt hat, sieht nur unterschiedlich angeordnete Striche und Bögen, erkennt aber nicht, was diese bedeuten (Ein peinliches Problem beim Tätowieren). Eine der größten Leistung unseres Gehirns ist eben diese Mustererkennung, d.h. der Abgleich zwischen Input und Erfahrungen und dem damit verbundenen Wiedererkennen und Sinn-Geben. Je öfter wir ein Muster einüben, desto schneller läuft der Automatismus ab. Andere, nicht trainierte Abläufe benötigen im Gegensatz dazu unsere Aufmerksamkeit. Dabei haben bei der Ausführung die Automatismen Vorrang, wie ein Versuchsaufbau von John Ridley Stroop aus dem Jahre 1935 zeigt.

Behavioristische Automatismen

Unser Verhalten beruht auf unseren guten und schlechten Erfahrungen aber auch erlernten und verinnerlichten Werten, Gesellschaftsnormen und Sitten. Diese Gewohnheiten sind wichtig und hilfreich, denn Abläufe und Riten geben uns Sicherheit, schaffen Vertrauen und vermitteln im sozialen Miteinander. Geprägt durch unser Umfeld, verhalten wir uns nicht immer (eigentlich selten) unvoreingenommen und frei, sondern tragen unser Säckchen an bewährten Erfahrungen, Erwartungen, Klischees und Vorurteilen mit uns. Insofern verwundert es kaum, dass wir neue Situationen oder fremde Menschen durch unsere Brille der Erfahrung sehen und in kürzester Zeit bewerten und in eine Schublade stecken. Wer die falsche Musik hört, die falschen Klamotten trägt, ist raus. Dabei muss uns der Grund der Beurteilung gar nicht bewusst sein:  nur unbewusst wahrgenommene Attribute wie etwa Duft oder (Mikro-)Mimik, können mit positiven oder negativen Erfahrungen verbunden sein, so dass wir unser Urteil längst gefällt haben, bevor wir uns bewusst eine Meinung bilden.

Was Hänschen falsch lernt…

Es spielt keine Rolle, ob die Automatismen motorisch, kognitiv oder kombiniert sind: Einmal erlernt unterstützen uns diese Abläufe und sind nur schwer wieder zu vergessen. Dies ist in den überwiegenden Fällen nützlich, kann aber auch zur Last werden, gerade wenn es um Verhaltensänderungen geht. Einmal eingefahren, ist der Pfad des Gewohnten nur schwer zu verlassen. Gerade zwischenmenschliche Verhaltensmuster wie Wutausbrüche, vorlautes Verhalten, Streitkultur etc. sind sehr hartnäckig zu bekämpfen sein, da diese auf emotionaler Ebene oft schon im Gange sind, bevor wir diese bewusst steuern können. Nicht zu vergessen sind Gewohnheiten mit hohem Suchtpotential wie beispielsweise Fernsehen, Drogenkonsum, Online-Aktivitäten oder Shopping. Diese Handlungen stellen eine Belohnung im Gehirn in Aussicht und befriedigen uns durch die Ausschüttung von Dopamin oder Serotonin, die wiederum Glücksgefühle auslösen. Je intensiver das erlebte Glücksgefühl, desto größer das Suchtpotential und desto schwieriger ist es, von diesen Handlungen loszukommen.

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