Mythos: Die linke Gehirnhälfte arbeitet logisch, die rechte kreativ

Mythos Gehirnhälften: links logisch - rechts kreativWer bereits einen Test zur Frage der Hemisphärendominanz gemacht hat, kennt den Mythos: Die linke Gehirnhälfte sei zuständig für Sprache und logisches, analytisches Denken. In der rechten Hemisphäre lägen die Emotionen, dort wird ganzheitlich und kreativ gedacht. Dabei wirke sich die Dominanz einer Hirnhälfte auch noch auf die Persönlichkeit aus: Bei Wissenschaftlern dominiere die linke Gehirnhälfte, Künstler hingegen hätten eine dominante rechte Gehirnhälfte. Wem das Testergebnis nicht gefällt, bekommt praktischerweise gleich passende Angebote, um die beiden Hälften besser zu verbinden und das Gehirn wieder in Balance zu bringen. So weit, so falsch.

Ursprung des Mythos

Der Annahme einer rationalen, logischen linken Seite und der kreativen, emotionalen rechten Seite fehlen bisher jegliche Belege, sie hat ihren Ursprung möglicherweise in der Callosotomie, also der operativen Durchtrennung des „Balkens“ (Corpus callosum). So wird die Stelle genannt, an denen die beiden Hälften miteinander verbunden sind, um Informationen auszutauschen. Als letzte Maßnahme gegen übermäßig starke Epilepsie mildert dieser Eingriff die Anfälle, da sich die Krampfanfälle nicht von einer Hälfte auf die andere ausbreiten [1]. Das durchtrennte Gehirn („Split-Brain“) arbeitet nach der Operation weitgehend normal, in gezielten Untersuchungen jedoch lassen sich Veränderungen im Verhalten oder der Wahrnehmung beobachten.

Die rechte Seite des Körpers ist mit der linken Gehirnhälfte verbunden, die linke Körperseite entsprechend mit der rechten. Somit kommen Sinneseindrücke der rechten Körperseite (Auge, Ohr, Reize der Haut etc.) in der linken Gehirnhälfte an. Trennt man nun die beiden Gehirnhälften, bleiben die Reize dort „hängen“. Jede Gehirnhälfte bildet sich eine eigene Vorstellung der Welt, je nachdem, welche Reize es bekommen hat. Einem Split-Brain Patienten wurden zeitgleich zwei unterschiedliche Bilder gezeigt: das rechte Auge sah einen Hammer, das linke Auge eine Säge.  Auf die Frage was er gesehen habe, antwortete er „Hammer“ (sein Sprachzentrum lag links). Bat man ihn danach, mit der linken Hand (gesteuert von der rechten Gehirnhälfte) den gesehenen Gegenstand zu zeichnen, malte er eine Säge.

Gründe die gegen den Mythos sprechen

Anhand zahlreicher Experimente mit den Split-Brain Patienten konnte man zeigen, dass die eintreffenden Informationen unterschiedlich verarbeitet werden und die Gehirnhälften nicht zu 100% symmetrisch sind. Allerdings lassen sich diese Erkenntnisse einzelner Bereiche nicht 1:1 auf die jeweilige Gehirnhälfte übertragen oder daraus Denkstile oder gar Persönlichkeitsmerkmale ableiten. Schon gar nicht, weil die Experimente nach einem schweren Eingriff in die Anatomie des Gehirns durchgeführt wurden. Unser Gehirn arbeitet hochvernetzt und beschäftigt nahezu alle Bereiche gleichzeitig. Im gesunden Gehirn werden dabei die Informationen beider Seiten ständig ausgetauscht, Fakten mit Erfahrungen und Emotionen abgeglichen, um final zu einem Gedanken zu gelangen.

Die These, dass unser Gehirn nur dann richtig gut arbeitet, wenn beide Hälften in Balance, also besser miteinander verbunden sind, ignoriert den Umstand, dass Gehirn und Synapsen nicht nur mit Verbindungen sondern eben aus einem Wechselspiel zwischen Verbindung und Hemmung arbeiten [2],[3]. Auf neuronaler Ebene erhöht dieses Prinzip die Menge an möglichen Verschaltungen und senkt gleichzeitig den Energieaufwand. Ebenso findet sich dieses Prinzip auf lateraler Ebene, wenn ein Informationsaustausch beider Hälften unterdrückt wird. Um in geräuschvoller Umgebung Worte des Gesprächspartners zu verstehen, hören wir aktiv auf dem rechten Ohr, das mit dem verbalen Sprachzentrum in der linken Seite verbunden ist. Die Infos des linken Ohrs werden dabei unterdrückt, gelangen also nicht in die andere Hirnhälfte [4]. Man spricht hier vom dichotischen Hören und vom „Rechts-Ohr-Vorteil“. Beim Erkennen von Melodien und Geräuschen verhält es sich umgekehrt [5].
Im Laufe der Evolution hat sich das Gehirn vergrößert, die Verbindungsstelle beider Hemisphären, der Corpus callosum hat sich relativ dazu aber verkleinert, so dass der hemmende Faktor eine zentrale Aufgabe  in der Arbeitsweise des Gehirns ist.

Auch wenn das motorische Sprachzentrum meist in der linken Hälfte und das das Zentrum für Sprachmelodie in der rechten zu finden ist: Ohne das Zusammenspiel beider Seiten würden wir uns  erheblich schlechter verständigen können. Ohne Sprachmelodie hörten wir uns an wie Roboter oder könnten feinste Nuancen der Betonung für Gesinnung, Witz oder Ironie nicht wahrnehmen. Und offensichtlich gehört zur Lösung mathematischer Aufgaben nicht nur Logik, sondern auch ein gewisses Maß an Kreativität.

Die Vorstellung einer Trennung des Gehirns für kreative oder logische Aufgaben läuft an der Arbeitsweise unseres Denkorgans vorbei, ist aber eine plausible und leicht verständliche Theorie, die dazu noch so schöne Erklärungsmodelle („Ich bin halt eher der chaotisch-kreative rechtsseitige Typ“) liefert. Wohl deshalb hält sich der Mythos und wird fleißig unter dem Stichwort „gehirngerechtes Lernen“ vermarktet. Dabei gilt das Modell schon lange als überholt. Die heutige Sichtweise unterscheidet grob zwischen Verarbeitungsprozessen für das große Ganze (rechts) und den Details (links). Dabei lassen sich die Aufgaben der beiden Seiten aber nicht strikt trennen. Jede Hälfte hat eine andere Herangehensweise, letztendlich benötigen wir aber die Ergebnisse beider Hälften für eine optimale Entscheidung. Der Psychiater Iain McGilchrist fasst die aktuelle Sichtweise in einem TED Talk zusammen:

 

Quellen: